Dr. Ralf Kneuper

Beratung für
Softwarequalitätsmanagement und
Prozessverbesserung

CMMI Version 1.2 – Was hat sich in der praktischen Umsetzung geändert

Im August 2006 ist die Version 1.2 von CMMI erschienen. Auf den SEI-Webseiten ist eine Beschreibung dieser neuen Version und der damit verbundenen Änderungen erschienen. Die folgende Aufstellung konzentriert sich auf die Auswirkungen dieser Änderungen auf die praktische Umsetzung von CMMI.

Das Modell selbst kann auf den Webseiten des SEI heruntergeladen werden oder ist als Buch verfügbar.

Zusammengefasst kann man sagen, dass sich zwar viele Details geändert haben, dass die Änderungen am Modell selbst aber kaum Auswirkungen auf die praktische Umsetzung haben, solange man sich auf die in der Praxis am weitesten verbreiteten Disziplinen Software- und Systementwicklung beschränkt. In den meisten Fällen werden nur die bisherigen Inhalte deutlicher formuliert, teilweise auch zu anderen Prozessgebieten verschoben, so dass man in Summe von einer echten Verbesserung sprechen kann.

Etwas anders sieht es bei der Assessmentmethode SCAMPI aus, bei der sich auch eine Reihe von Inhalten geändert haben. Die meisten dieser Änderungen haben das Ziel, die Verlässlichkeit von Assessmentergebnissen zu erhöhen und die Rahmenbedingungen des einzelnen Assessments deutlicher sichtbar zu machen. Das hat allerdings auch zur Folge, dass der Mindestaufwand für ein Assessment für ein Assessment weiter steigt, was vor allem für kleine Organisationen ein Problem darstellt.

Varianten des CMMI

Statt der bisherigen CMMI-Disziplinen Softwareentwicklung (SW), Systementwicklung (SE), Integrierte Produkt- und Prozessentwicklung (IPPD) sowie Beschaffung über Lieferanten, gibt es jetzt nur noch ein CMMI-DEV für Entwicklung, mit einer optionalen Ergänzung für IPPD. Zusätzlich angekündigt sind zwei neue Varianten CMMI-ACQ für Akquisition sowie CMMI-SVC für Services.

Die bisherige Unterscheidung zwischen SE und SW spiegelt sich also nicht mehr in unterschiedlichen Modellvarianten (auch wenn diese sich nur in den Erläuterungen und Beispielen unterscheiden) wieder, sondern "nur" noch in dem jeweiligen Anwendungsbereich eines gemeinsamen Modells.

Jede dieser Varianten gibt es wie bisher auch in stufenförmiger und in kontinuierlicher Darstellung.

Diese jetzt vier verschiedenen CMMI-Varianten für Entwicklung (CMMI-DEV und CMMI-DEV + IPPD, jeweils in stufenförmiger und in kontinuierlicher Darstellung), erscheinen in einem gemeinsamen Dokument bzw. Buch. CMMI v1.1 gab es ursprünglich in Form von acht verschiedenen Dokumenten mit wesentlichen Überschneidungen, die dann erst später in Form eines gemeinsamen Buches erschienen.

Reifegrad 2

Die Änderungen von Reifegrad 2 haben relativ geringe Auswirkungen auf die praktische Umsetzung. Folgende relevante Änderungen gab es:

  • Anforderungsmanagement REQM
    • SP 1.4: Bidirektionale Nachverfolgbarkeit bezieht sich nicht mehr explizit auf die Planung, sondern nur auf Arbeitsergebnisse.
  • Management von Lieferantenvereinbarungen SAM
    • Der Anwendungsbereich von SAM ist geändert: Insbesondere ist die Einschränkung weggefallen, dass SAM nur für Zulieferungen gilt, für die es eine formale Vereinbarung gibt. Damit ist das bisherige Schlupfloch geschlossen, dass ein Unternehmen keine formalen Vereinbarungen für seine Zulieferungen schließen und SAM daher als nicht anwendbar deklarieren konnte.
    • Die Praktik SP 2.1 "COTS-Produkte einem Review unterziehen" aus v1.1 ist weggefallen; das Thema wird jetzt in Technischer Umsetzung auf Reifegrad 3 in einer Subpraktik von SP 1.1 berücksichtigt. SP 2.1 war schon immer ein Fremdkörper an dieser Stelle und hat nicht wirklich zu SAM gepasst, so dass diese Änderung ein echter Fortschritt ist.
    • Außerdem gibt es zwei neue Praktiken SP 2.2 "Ausgewählte Lieferantenprozesse überwachen" und SP 2.3 "Ausgewählte Arbeitsergebnisse des Lieferanten bewerten", die das bisherige Prozessgebiet Integrated Supplier Management ersetzen.
  • Generische Praktiken
    • Die generische Praktik GP 2.6 wurde geringfügig abgeschwächt in "Benannte Arbeitsergebnisse des Prozesses zum Management von Lieferantenbeziehungen in angemessenem Umfang unter Konfigurationsmanagement Steuerung (Control) stellen."

Reifegrad 3

Auf Reifegrad 3 gab es folgende wesentlichen Änderungen:

  • Integriertes Projektmanagement IPM:
    • Praktik SP 1.1 fordert jetzt explizit die Ableitung der Projektprozesse von Standardprozessen für den gesamten Lebenszyklus des Projektes.
    • Außerdem gibt es eine neue Praktik SP 1.3 "Arbeitsumgebung des Projektes aufsetzen". Damit bekommt die Bereitstellung einer angemessenen Arbeitsumgebung, die auch in Version 1.1 schon Teil der generischen Praktik 2.3 "Ressourcen bereitstellen" war, eine deutlich größere Bedeutung.
      Analog der Ableitung der organisationsweiten Prozesse aus den Standardprozessen der Organisation wird auch die Arbeitsumgebung des Projektes aus einer standardisierten Arbeitsumgebung der Organisation abgeleitet, die im Rahmen einer neuen Praktik bei OPD definiert wird.
    • Teil der IPPD-Ergänzung von CMMI-DEV ist das neue Ziel SG 3 "IPPD Prinzipien anwenden", das das bisherige Prozessgebiet IT ablöst.
  • Organisationsweite Prozessdefinition OPD
    • Um die standardisierten Prozesse der Organisation durch eine standardisierte Arbeitsumgebung zu unterstützen, gibt es bei OPD eine neue Praktik zur Arbeitsumgebung, nämlich SP 1.6 "Standards für Arbeitsumgebung aufsetzen". Wie eben beschrieben, wird daraus dann im Rahmen von IPM die Arbeitsumgebung des Projektes abgeleitet.
    • Ebenfalls ein Teil der IPPD-Ergänzung von CMMI-DEV ist das neue Ziel SG 2 "IPPD Management ermöglichen", das das bisherige Prozessgebiet OEI ersetzt.
  • Organisationsweiter Prozessfokus OPF
    • Ziel SG 2 fordert jetzt die Planung und Implementierung von Prozessverbesserungen statt von Prozessverbesserungsaktivitäten. Diese Änderung soll deutlicher machen, dass es nicht um die Aktivität, sondern um die Prozessverbesserung selbst geht. In der Praxis macht das wohl kaum einen Unterschied.
    • Ein neues Ziel SG 3 "Prozess-Assets der Organisation einführen und Erfahrungen einarbeiten" wurde ergänzt, das zwei Praktiken aus dem bisherigen SG 2 enthält, darüber hinaus aber auch zwei neue Praktiken SG 3.2 "Standardprozesse einführen" und SG 3.3 "Umsetzung überwachen", die die Durchführung der Prozessverbesserungen in allen Projekten stärker betonen.
  • Anforderungsentwicklung RD
    • Practice SP 3.1 "Betriebskonzepte und Szenarios erstellen" wurde erweitert und schließt jetzt die bisherige Praktik SP 1.2 "Betriebskonzepte und Szenarios weiterentwickeln" von Technische Umsetzung mit ein.
  • Technische Umsetzung TS
  • Validation VAL
    • Praktik SP 2.2 lautet nun "Validationsergebnisse analysieren", ohne, wie in der Vergangenheit, offene Punkte zu identifizieren. Dieser Aspekt ist in SG 2 von Project Monitoring and Control abgedeckt, leider nicht so explizit.
    • Außerdem wurde in der Einleitung des Prozessgebietes jetzt deutlicher beschrieben, dass Validation nicht nur am Ende eines Projektes notwendig ist, sondern bereits von Anfang an.
  • Verification VER
    • Analog Validation Praktik SP 3.2 lautet nun "Verifikationsergebnisse analysieren", ohne, wie in der Vergangenheit, Korrekturmaßnahmen zu identifizieren.
Darüber hinaus sind auf Reifegrad 3 die drei Prozessgebiete als eigene Prozessgebiete weggefallen, die bisher in den (ebenfalls weggefallenen) CMMI-Disziplinen CMMI-IPPD und CMMI-SS zusätzlich zu denen von CMMI-SE/SW enthalten waren:

Appraisals nach SCAMPI A

Wesentlich mehr echte Änderungen als beim Modell CMMI gab es bei der zugehörigen Appraisalmethode SCAMPI A:

  • Es wird eine neue Gültigkeitsdauer für Appraisalergebnisse von drei Jahren eingeführt, während die Ergebnisse in der Vergangenheit unbegrenzt gültig waren. Diese neue Regel wird auch rückwirkend für frühere Appraisalergebnisse eingeführt, wobei es eine Übergangsfrist von einem Jahr gibt: Alle bis zum 31. August 2004 durchgeführten Appraisals gelten noch bis zum 31. August 2007, alle späteren Appraisals gelten 3 Jahre ab Appraisalende.
  • Ebenfalls neu ist die Forderung, dass die gesamte Datensammlung im Appraisal von Dokumentenreview bis Ende Auswertung innerhalb von 90 Tagen durchgführt werden muss. Hier gab es bisher keine Festlegung, was offensichtlich in Einzelfällen zu extrem lange dauernden Appraisals geführt hat. Insofern ist dies wohl eine sinnvolle Regelung, auch wenn sie für die meisten Appraisals keine Auswirkung haben wird.
  • Das Appraisal Disclosure Statement (ADS), in dem die wesentlichen Randbedingungen des Appraisals dokumentiert werden, um einem Externen, z.B. einem Kunden, eine Einschätzung des Wertes eines Appraisals zu erlauben, wird deutlich umfangreicher. Ziel ist es, mehr Transparenz zu den durchgeführten Assessments zu schaffen. Beispielsweise sind jetzt detaillierte Angaben über die Abdeckung der Organisation durch die im Appraisal betrachteten Projekte und deren Mitarbeiter erforderlich. Auch hier ist der Ansatz sicher sinnvoll, wobei sich in der Praxis noch zeigen muss, ob das SEI dabei nicht über das Ziel hinausgeschossen ist.
    Diese ebenso wie die beiden folgenden Regeln zum ADS gelten bereits für alle Appraisals nach SCAMPI A v1.1, die am oder nach dem 1. November 2006 beginnen.
  • Das ADS muss in Zukunft auch vom Sponsor des Appraisals unterschrieben werden. Diese Änderung ist im Normalfall sinnvoll, damit der Sponsor die Aussagen über die Organisation explizit bestätigt. Problematisch wird es aber, wenn die Ergebnisse des Appraisals nicht den Erwartungen des Sponsors entsprechen – hier ist abzusehen, dass in diesem Fall manche Appraisals nicht abgeschlossen werden können.
  • Die nächste, scheinbar nur kleine, Änderung ist aus meiner Sicht ein echter Fehler in der Definition von SCAMPI: Der Sponsor ist dazu verpflichtet (und unterschreibt dies im AID), den Appraisal Record während der Geltungsdauer des Appraisals aufzubewahren, damit bei Bedarf eine Überprüfung durch das SEI möglich ist. Da der Appraisal Record aber viele vertrauliche Informationen enthält, wie beispielsweise Quelle und Aussage von mündlichen Bestätigungen oder die Bewertung der einzelnen Praktiken pro Projekt, gefährdet dies die Vertraulichkeit dieser Unterlagen. Die SCAMPI-Methodenbeschreibung empfiehlt hier, den Appraisal Record vorher entsprechend zu "bereinigen", um die Vertraulichkeit weiterhin zu wahren. In der Praxis bedeutet das aber, dass man den Appraisal Record bis zur Nutzlosigkeit "bereinigen" muss, wenn man nicht die Vertraulichkeit brechen will.
    Hier hat das SEI aus meiner Sicht ohne Not ein Problem geschaffen, obwohl man doch das gleiche Ziel problemlos auch erreichen könnte, wenn der Appraisalleiter statt des Sponsors für die Aufbewahrung des Appraisal Records verantwortlich wäre.
  • Neu sind Forderungen nach einer Mindestzahl von Instanzen (Projekten), die in einem Appraisal betrachtet werden müssen: Wenn die Organisation mindestens drei Projekte hat, dann müssen bei den Projektprozessen auch mindestens drei Projekte betrachtet werden. Während dies für große Organisationen vollkommen angemessen ist, bedeutet es für kleine Organisationen, bei denen man bisher evtl. mit weniger betrachteten Projekten auskam, einen teilweise spürbar höheren Appraisalaufwand.
  • Ein echter Fortschritt ist die explizite Möglichkeit, so genannte "nicht-Fokus-Projekte" zu definieren, bei denen nur ausgewählte Prozessgebiete betrachtet. Typisches Beispiel für deren Nutzung ist das Prozessgebiet Management von Lieferantenvereinbarungen (SAM): Wenn die als repräsentativ ausgewählten Projekte teilweise keine Lieferanten haben, dann kann man im Appraisal einzelne zusätzliche Projekte auswählen, bei denen man nur dieses Prozessgebiet betrachtet und damit auch hierfür ausreichend Informationen für eine Bewertung bekommt.
  • Eine neue Einschränkung ist, dass nur noch Dokumente berücksichtigt werden dürfen, die zu Beginn des Assessments erstellt bzw. überarbeitet waren.
  • Verschärft sind auch die Regeln für die Auswahl des Appraisalleiter: Appraisals, deren Ergebnisse in irgendeiner Weise öffentlich gemacht werden, müssen von einem externen Appraisalleiter geleitet werden. Als extern zählt dabei ein Appraisalleiter, der von außerhalb der betrachteten Organisationseinheit kommt, auch wenn er möglicherweise im gleichen Konzern arbeitet.
  • Schließlich sind auch die Anforderungen an die Qualifikation von Appraisalleitern für die Reifegrade und Fähigkeitsgrade 4 und 5, also die so genannten "High-maturity appraisals". Solche Appraisals dürfen nur noch von Appraisalleitern geleitet werden, die eine entsprechende zusätzliche Zertifizierung haben.

Wann soll ich umsteigen?

Wie beschrieben sind die inhaltlichen Unterschiede zwischen CMMI v1.1 und v1.2 relativ gering. Solange also keine besonderen Gründe dagegen sprechen, sollte man zügig auf die aktuelle Version umstellen, um deren Verbesserungen nutzen zu können.

Wichtigster Grund, der gegen einen schnellen Umstieg sprechen kann, ist vor allem die laufende Vorbereitung auf ein in Kürze geplantes SCAMPI A Appraisal, die man nicht durch die Umstellung unterbrechen sollte; das gilt natürlich nur unter der Voraussetzung, dass man sicher ist, das Appraisal auch vor Ende August 2007 zu Ende zu bringen.

Ein anderer möglicher Grund betrifft kleine Organisationen, die ein SCAMPI A beabsichtigen. Da der Mindestaufwand für ein Appraisal weiter steigt, vor allem durch die neuen Regeln zur Mindestanzahl von im Appraisal zu untersuchenden Projekten, kann es hier sinnvoll sein, das Appraisal noch nach SCAMPI v1.1 vor August 2007 durchzuführen und damit den notwendigen Aufwand geringer zu halten.

Für alle die, die auf CMMI v1.2 umsteigen wollen, bietet eine Upgrade-Schulung als Online-Schulung an. Für Mitglieder von Appraisalteams, die ein SCAMPI-Appraisal nach CMMI v1.2 durchführen wollen, handelt es sich hierbei um ein Angebot, das man nicht ablehnen kann, denn die Schulung, zum Preis von USD 175,-, ist in diesem Fall Pflicht . Sie besteht aus einem Satz von Folien, den man durcharbeitet und dies am Schluss explizit bestätigt.

© Ralf Kneuper · 2012-02-03 · http://www.kneuper.de/Cmmi/cmmi12.html