Dr. Ralf Kneuper
Beratung für Softwarequalitätsmanagement und Prozessverbesserung
CMMI Version 1.3 – Was hat sich in der praktischen Umsetzung geändert
Im November 2010 ist die Version 1.3 von CMMI in allen drei Konstellationen
CMMI-DEV, CMMI-ACQ und CMMI-SVC erschienen. Auf den
SEI-Webseiten
sind diverse Informationen dazu verfügbar, insbesondere können dort diese
Dokumente heruntergeladen werden.
Wer will, kann die neue Version des Modells auch wieder als Buch von
Addison-Wesley kaufen, nämlich
CMMI for Development,
CMMI for Services bzw.
CMMI for Acquisition.
Die folgende Aufstellung konzentriert sich auf die Auswirkungen dieser
Änderungen auf die praktische Umsetzung von CMMI, insbesondere CMMI-DEV
auf den Reifegraden 2 und 3.
Eine ähnliche Aufstellung der Änderungen von v1.1 nach v1.2 finden Sie
hier.
Daneben gibt es in CMMI v1.3 noch eine Reihe weiterer Änderungen, die wichtig waren für
ein besseres Verständnis der Modelle sowie eine einheitliche Darstellung,
insbesondere:
- Klarere Formulierungen in Text und Glossar sowie Vereinheitlichung der
Begriffe zwischen Text und Glossar. Dazu gehören auch einige Umformulierungen der
generischen Praktiken und ihrer Erläuterungen, die in v1.2 bestehende Inkonsistenzen
und Unklarheiten beheben.
- Beispielsweise wurde von v1.1 nach v1.2 die Formulierung von GP 2.6
so geändert, dass nicht mehr von Konfigurationsmanagement, sondern von der
Steuerung der Ergebnisse die Rede war. Diese Änderung bezog sich aber nur auf
die Formulierung und nicht auf den Namen dieser Praktik. In v1.3 wurde jetzt
auch der Name von GP 2.6 entsprechend angepasst.
- Kleinere begriffliche Änderungen, beispielsweise heißen die bisherigen "typical
work products" jetzt "example work products", um deutlicher zu
machen, dass es sich eben um Beispiele und keine geforderten Ergebnisse handelt.
- Anpassungen der Architektur der Modellfamilie
- Beispielsweise sind die bisher
wenig genutzten "amplifications" für Systementwicklung, Software bzw. Hardware
weggefallen.
- Mehrere Prozessgebiete wurden anderen Kategorien zugeordnet. Beispielsweise ist Requirements Management (REQM)
jetzt einheitlich
in allen Konstellationen in der Kategorie "Project Management" und in CMMI-DEV nicht mehr
in "Engineering" enthalten.
- Die generischen Praktiken sind jetzt einheitlich für alle Prozessgebiete
im vorderen Teil des Modells zusammengefasst und nicht für jedes Prozessgebiet wiederholt.
Eine strukturelle Änderung, die sich aber auch auf die Inhalte auswirkt, ist die
Streichung der optionalen Ergänzung IPPD (Integrated Product and Process Development) in
CMMI-DEV. Statt dieser Ergänzung gibt es jetzt die neuen Praktiken
- Organizational Process Definition, SP 1.7: Establish Rules and Guidelines for Teams
- Integrated Project Management, SP 1.6: Establish Teams
die IPPD ablösen, dafür aber jetzt für alle gelten und nicht mehr optional sind.
In der Vergangenheit wurde immer wieder die Diskussion über die
Verträglichkeit von CMMI-DEV mit agilen Methoden wie Scrum oder Extreme Programming geführt.
Auch wenn beispielsweise Boehm in seinem Buch
Balancing Agility and Discipline: A Guide for the
Perplexed gezeigt hat, dass beide Ansätze miteinander verträglich sind, halten
immer noch viele die beiden Ansätze für widersprüchlich. Aus diesem Grund wurden in
v1.3 von CMMI-DEV jetzt Erläuterungen bei einer Reihe von Praktiken aufgenommen, die
beschreiben, wie diese Praktik in einem agilen Umfeld interpretiert und umgesetzt
werden kann. So wird beispielsweise Pair Programming jetzt ausdrücklich als eine
mögliche Umsetzung der Peer Reviews im Prozessgebiet Verification genannt.
Deutlich umfangreicher sind die Änderungen der Stufen 4 und 5.
Hier hatte sich in den letzten Jahren viel an der Interpretation der relevanten Praktiken
geändert, was noch nicht im Modell selbst eingearbeitet war. Offensichtlichste Änderungen sind
das neue Prozessgebiet "Organizational Performance Management" auf Reifegrad 5, das das
bisherige Prozessgebiet "Organizational Innovation and Deployment" ersetzt, sowie der
Wegfall der generischen Ziele 4 und 5 samt der zugehörigen Praktiken und damit der Fähigkeitsgrade
4 und 5. Darüber hinaus
wurden auch viele Inhalte der Prozessgebiete auf den Reifegraden 4 und 5 überarbeitet, was aber hier
nicht weiter vertieft werden soll, da diese Themen (zumindest im deutschsprachigen Raum) bisher kaum
angewendet werden.
Eine weitere wichtige Änderung bezieht sich nur auf CMMI-SVC: Da der Begriff des "Projektes"
im Zusammenhang mit Dienstleistungen immer wieder zu Verwirrung geführt hat, wurde dieser Begriff dort,
je nach Zusammenhang, mit "Arbeit" (work) bzw. "Arbeitsgruppe" (work group) ersetzt.
Diese Änderung geht bis hin zu den Namen der Prozessgebiete, die in CMMI-SVC jetzt Planung der Arbeit
(Work Planning), Verfolgung und Steuerung der Arbeit (Work Monitoring and Control) etc. heißen
statt Projektplanung, Projektverfolgung und -steuerung etc. In CMMI-DEV und CMMI-ACQ wurden die
bisherigen Begriffe beibehalte, mit Ausnahme der bisherigen Kategorie "Projektmanagement",
die jetzt einheitlich in allen Konstellationen "Management der Projekte und der Arbeit"
(Project and Work Management) heißt.
Wie schon beim Schritt von Verion 1.1 auf 1.2 gilt, dass sich zwar viele Details geändert haben,
dass die Änderungen am Modell selbst aber kaum Auswirkungen auf die praktische
Umsetzung haben, solange man die in der Praxis am weitesten verbreiteten
Disziplinen Software- und Systementwicklung auf den Reifegraden 2 und 3 betrachtet.
In den meisten Fällen werden nur die bisherigen Inhalte
deutlicher formuliert, so dass man erneut von einer echten Verbesserung sprechen kann.
Deutlich größer sind erneut die Änderungen bei der Appraisalmethode SCAMPI a,
bei der eine Reihe von Inhalten wesentlich überarbeitet wurden. Die meisten dieser Änderungen haben das
Ziel, die Verlässlichkeit von Appraisalergebnissen weiter zu erhöhen und gleichzeitig
den damit verbundenen Aufwand zu reduzieren. Ob dieses zweite Ziel tatsächlich erreicht wurde,
ist im Moment noch schwer abzuschätzen.
Die einfacheren Methoden SCAMPI B und SCAMPI C wurden nicht geändert, hier gibt es keine neue Version
der Methoden.
Reifegrad 2
Die Änderungen von Reifegrad 2 haben relativ geringe Auswirkungen
auf die praktische Umsetzung. Folgende relevante Änderungen gab es:
- Anforderungsmanagement REQM
- Die Praktik SP 1.5 wurde umformuliert in "Anpassung zwischen Projektarbeit und
Anforderungen sicherstellen" statt des bisherigen "Inkonsistenzen zwischen
Projektarbeit und Anforderungen identifizieren". Diese Formulierung macht den
Zweck dieser Praktik deutlicher und formuliert explizit, dass Inkonsistenzen nicht
nur identifiziert, sondern auch behoben werden sollen.
- Zulieferungsmanagement SAM
- Die in Version 1.2 neu eingeführten Praktiken SP 2.2
"Ausgewählte Lieferantenprozesse überwachen" und
SP 2.3 "Ausgewählte Arbeitsergebnisse des Lieferanten bewerten",
sind in Subpraktiken von SP 2.1 überführt worden. Damit bleibt den Unternehmen
mehr Spielraum zu entscheiden, ob und in welcher Form sie diese Tätigkeiten
für sinnvoll halten.
- Projektplanung / Planung der Arbeit
- Hier ist eher auffällig, was nicht geändert wurde, nämlich die Praktik SP 1.1 in CMMI-ACQ
"Beschaffungsstrategie etablieren" und CMMI-SVC "Dienstleistungsstrategie
etablieren" wurde nicht nach CMMI-DEV übernommen. Damit gibt es weiterhin bei
CMMI-ACQ und CMMI-SVC fünf, bei CMMI-DEV vier Praktiken zum Ziel SG 1.
- Generische Praktiken
- Nachdem die generische Praktik GP 2.6 in Version 1.2 umformuliert worden war und
von Steuerung der Ergebnisse statt von Konfigurationsmanagement spricht, wurde
diese Änderung jetzt auch im Namen der Praktik nachgezogen.
Reifegrad 3
Auf Reifegrad 3 gab es folgende wesentlichen Änderungen:
- Fortgeschrittenes Projektmanagement (Integrated Project Management, IPM):
- Wie bereits oben beschrieben, ist das nur für die IPPD-Ergänzung relevante
Ziel SG 3 mit allen zugehörigen Praktiken weggefallen. Stattdessen gibt es eine neue Praktik
SP 1.6: "Establish Teams", in der Teile dieser Ergänzung übernommen sind.
- Organisationsweite Prozessdefinition OPD
- Auch hier ist die bisherige Ergänzung IPPD und damit das Ziel SG 2 weggefallen.
Teile von SG 2 wurden in die neue Praktik SP 1.7 "Establish Rules and Guidelines for Teams"
übernommen und sind damit jetzt nicht mehr optional.
Wesentlich mehr echte Änderungen als beim Modell CMMI gab es bei der zugehörigen
Appraisalmethode SCAMPI A. Die aus meiner Sicht wichtigsten Änderungen sind:
- Die Auswahl der zu betrachtenden Projekte wurde völlig geändert mit dem Ziel, die eine angemessene
Abdeckung sicherzustellen und dabei den Appraisalumfang auch stärker mit der Größe der Organisation
und vor allem der Unterschiedlichkeit der Prozesse in den einzelnen Projekten zu skalieren. Die
Projektauswahl basiert jetzt auf einer Unterteilung der Projekte in Untergruppen mit jeweils
gleichartigen Projekten. Aus jeder Untergruppe wird dann mindestens ein Projekt im Appraisal untersucht,
bei überdurchschnittlich großen Untergruppen auch mehr. Beim ersten Projekt jeder Untergruppe werden
für alle Prozessgebiete sowohl Artefakte als auch mündliche Bestätigungen gesammelt, bei weiteren
Projekten ist teilweise eine Auswahl möglich.
- Die "indirekten Artefakte" sind weggefallen. Da die Unterscheidung zwischen direkten und
indirekten Artefakten in der Vorbereitung eines SCAMPI A regelmäßig zu erheblichen Abgrenzungsproblemen
geführt hat, wurde diese Unterscheidung jetzt gestrichen und es gibt nur noch "Artefakte".
Damit sind auch die relativ komplizierten Regelungen zur Vollständigkeit der Nachweise ("direktes
Artefakt plus indirektes Artefakt oder mündliche Bestätigung", 50-Prozent-Regel, 1-Row-1-Column-Regel)
wesentlich einfacher geworden, aber nicht wirklich einfacher zu erreichen. Im Rahmen der Planung wird
festgelegt, ob für ein Projekt und ein Prozessgebiet Artefakte, mündliche Bestätigungen oder beides
zu erheben sind. Wenn ja, dann müssen für jede Praktik des Prozessgebietes Artefakte bzw. mündliche
Bestätigungen erhoben werden.
Brauche ich eine neue Schulung?
Da die Unterschiede zwischen der CMMI v1.2 und v1.3 relativ gering sind, benötigt
man normalerweise keine neue oder Upgrade-Schulung, auch wenn diese natürlich
angeboten wird. Wie schon beim Upgrade auf v1.2 handelt es sich um eine
Online-Schulung,
die man über das Internet absolvieren kann.
Ausnahmen, für die doch eine Upgrade-Schulung erforderlich ist, sind natürlich
Personen, die eine der höheren CMMI-Qualifikationen haben, also Lead Appraiser
und Instruktoren, oder die die Aufbauschulung "Intermediate Concepts"
besuchen wollen, außerdem Teammitglieder bei einem SCAMPI-Appraisal für
Reifegrad 4 oder 5, da bei diesen Reifegraden ja relativ viel geändert wurde.
Wer als Teammitglied bei einem SCAMPI auf Stufe 2 oder 3 teilnehmen will,
benötigt diese Upgrade-Schulung nicht.
Wann soll ich umsteigen?
SCAMPI-Appraisals nach CMMI v1.2 sind noch bis zum 30. November 2011 (Abschluss
des Appraisals) möglich, Appraisals nach SCAMPI v1.2 mit CMMI v1.3 sogar bis
31. März 2012.
Wie beschrieben sind die inhaltlichen Unterschiede zwischen CMMI v1.1 und v1.2
allerdings relativ gering.
Solange also keine besonderen Gründe dagegen sprechen, sollte man
daher zügig auf die aktuelle Version umstellen, um deren Verbesserungen
nutzen zu können.
Wichtigster Grund, der gegen einen schnellen Umstieg sprechen kann, ist
vor allem die laufende Vorbereitung auf ein in Kürze geplantes
SCAMPI A Appraisal, die man nicht durch die Umstellung unterbrechen sollte;
das gilt natürlich nur unter der Voraussetzung, dass man sicher ist, das
Appraisal auch rechtzeitig zu Ende zu bringen.
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